Bericht zum Symposium „Musiktherapie an pädagogischen Institutionen“, Mai 2017, Universität Bremen

 

Musiktherapie an pädagogischen Institutionen ist zwar kein neues, aber ein mittlerweile hoch aktuelles Thema. Mit der Umstellung auf ein inklusives Schulsystem nach der Ratifikation der UN Behindertenrechtskonvention in Deutschland im Jahr 2009 ist der Bedarf an Unterstützung, insbesondere an Schulen sehr hoch. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Norwegen, ist Musiktherapie an Schulen bereits fest verankert. Aber wie sieht die Forschungslage in diesem Gebiet aus? Gibt es bereits Evidenz über die Wirkung von Musiktherapie an pädagogischen Institutionen? Welche Forschung ist zukünftig notwendig?

Diese und weitere Fragen bildeten den Ausgangspunkt für das Symposium, welches vom 5. bis zum 6. Mai 2017 am Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik der Universität Bremen stattfand. Dank einer Förderung der Universität Bremen im Rahmen der Exzellenzinitiative konnte Dr. Anne-Katrin Jordan Mittel zur Durchführung des Symposiums einwerben. So war es möglich, ein internationales interdisziplinäres Team nach Bremen einzuladen, gemeinsam zu diskutieren und weitere Schritte zu planen. Organisiert wurde das Symposium von einer internationalen Forschergruppe bestehend aus Dr. Anne-Katrin Jordan (Bremen), Prof. Dr. Eric Pfeifer (Freiburg), Univ.-Prof. Dr. med. Dr. sc. mus. Thomas Stegemann (Wien) und Dr. sc. mus. Sandra Lutz Hochreutener (Zürich).

Impulsreferate, Posterpräsentationen, Gruppenarbeitsphasen sowie Austausch und Diskussionen in Kleingruppen und im Plenum bildeten den Kern des Symposiums.

Eröffnet wurde der Anlass durch einen Vortrag von Univ.-Prof. Dr. med. Dr. sc. mus. Thomas Stegemann (Wien), der das Thema aus der Sicht eines Kinder- und Jugendpsychiaters beleuchtete. Dabei berichtete er z.B. von einer Meta-Analyse, die zeigt, dass jedes sechste Kind in Deutschland Anzeichen von emotionalen oder Verhaltensauffälligkeiten aufweist. Anschließend erläuterte Dr. sc. mus. Sandra Lutz Hochreutener die Situation von Musiktherapie an pädagogischen Institutionen (Regelschule, Musikschule, Vorschule) mit einem Fokus auf der Schweiz. Als Herausforderung stellte sie das Setting („safe place“), Atmosphäre und die interdisziplinären Kooperationen dar. Chancen sieht Lutz Hochreutener (Zürich) z.B. in der Möglichkeit, direkt an inneren Konflikten, die in Verbindung mit der Schule stehen (z.B. Schulangst), anzuknüpfen. Andreas Heye (Paderborn) referierte zu den Möglichkeiten und Grenzen von Musiktherapie an pädagogischen Institutionen aus musikpsychologischer Sicht. Die Frage, ob Musiktherapie an Schulen als Psychotherapie bezeichnet werden kann bzw. welche Form der Musiktherapie an Schulen stattfindet, wurde auch im Anschluss an den Vortrag noch diskutiert. Einen Überblick über relevante Meta-Analysen und Systematic Reviews bezüglich der Wirkung von Musiktherapie bei Kindern und Jugendlichen lieferte Prof. Dr. Eric Pfeifer (Freiburg). Außerdem fasste er den aktuellen Stand von Musiktherapie an österreichischen Schulen zusammen und bezog Verweise zu relevanten Studien aus musikpädagogischer Sicht mit ein.       
Den Abschluss des ersten Tages bildete eine Gruppenarbeitsphase, in der zentrale Erkenntnisse zusammengetragen und diskutiert wurden.

Der zweite Tag wurde durch zwei praxisnahe Vorträge eingeleitet. Zunächst gab Ingeborg Nebelung (Horten, Norwegen) anhand von Videos einen Einblick in die norwegische Praxis von Musiktherapie an Schulen. Insbesondere zeigte sie Beispiele aus special units, die an Regelschulen angegliedert sind. Ein Aspekt, der ihr und anderen Musiktherapeutinnen besonders wichtig ist, ist das Bilden von golden moments. Karin Holzwarth (Hamburg) berichtete über die Hamburger Erfahrungen der Jugendmusikschule, die bereits eine 20-jährige Geschichte verzeichnet. Die Einzel- und Gruppenmusiktherapiestunden beziehen tiefen- und entwicklungspsychologische Elemente ein. Im Anschluss an diese Praxiseinblicke präsentierte Dr. Anne-Katrin Jordan (Bremen) eine Vergleichsstudie zwischen Musiktherapie an einer deutschen und einer norwegischen Schule. Mithilfe von Videoanalysen auf Basis des EBQ-Instruments (Einschätzung der Beziehungsqualität) konnte sie u.a. zeigen, dass gleiche musiktherapeutische Methoden (Begrüßungslied) mit unterschiedlichen Intentionen einhergehen können und somit ein differenzierter Blick notwendig ist. Dr. Philippa Derrington (Edinburgh, UK) stellte Musiktherapie an Schulen in Großbritannien mit einem Fokus auf Inklusion vor. In einer Interviewstudie mit Jugendlichen mit schweren emotionalen und Verhaltensauffälligkeiten wurde z.B. deutlich, dass die Kombination aus Spielen und Reden am wirksamsten war und die Konzentration gefördert wurde. Henrike Roisch (München) präsentierte in Zusammenarbeit mit Dr. Andreas Wölfl anhand von Videoszenen das Präventionsprojekt „Trommelpower“. Als Effekte führte sie u.a. weniger Aggression, positives soziales Verhalten und eine verbesserte Atmosphäre in der Klasse an.

Neben den dargestellten Impulsreferaten wurden sechs Poster präsentiert. Daniela Lechner (Wien, Absolventin des Studienganges für Musiktherapie an der mdw Wien) und Ruth Diesing (Freiburg, Absolventin des Studienganges für Heilpädagogik mit Vertiefungsbereich Heilpädagogische Künstlerische Therapien an der Katholischen Hochschule Freiburg), stellten die Ergebnisse ihrer Abschlussarbeiten vor. Die beiden Arbeiten sind das Resultat eines Verbundprojektes zwischen der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, der Katholischen Hochschule Freiburg und der Zürcher Hochschule der Künste und geben einen Überblick über in der Musiktherapie genutzte Forschungsinstrumente im deutschsprachigen Raum von 2000 bis 2016, zum einen für Kinder von 0 bis 6 Jahren und zum anderen für Jugendliche von 13 bis 18 Jahren. Auch Claudia Vogel (Wien) und Lisa Prechtl (Nürnberg) präsentierten Ergebnisse ihrer Masterarbeiten. Claudia Vogel gab einen Überblick über Musiktherapie an Schulen, Sonder- und Musikschulen in Österreich. Lisa Prechtl stellte das selbst entwickelte Projekt „echt stark“ für 11-jährige Mädchen mit einem Fokus auf der Verbesserung des Selbstwerts vor. Yvonne Mäder, Sandra Lutz Hochreutener und Annkathrin Pöpel (Zürich) lieferten einen Posterbeitrag mit dem Fokus auf Musiktherapie und Resilienz. In der empirischen Studie für Vorschulkinder mit Migrationshintergrund konnten signifikante Veränderungen in den Bereichen Kontaktfähigkeit und soziale Kompetenzen gezeigt werden. Wolfgang Zaindl (Münster) gab einen Impuls aus einer ganz anderen Perspektive auf Musiktherapie an Schulen. Und zwar beschäftigt er sich in seinem Dissertationsprojekt mit der Evaluation eines integrativen Musiktherapieprogramms für Lehrkräfte.

Abschließend folgte eine intensive Diskussion im Plenum zu den Oberthemen Ziele, Herausforderungen, Strategien zur Implementierung, Definitionen und Forschungsdesiderata. Als ein zentrales Ziel wurde die Wiedererlangung bzw. Stärkung von Lebensfreude hervorgehoben. Herausforderungen bezogen sich u.a. auf die Kooperation von Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten und Lehrkräften. Bezüglich der Implementierung von Musiktherapie an Schulen wurde die Bedeutung von politischer Arbeit sowie Öffentlichkeitsarbeit betont. Im Bereich der Forschung wurde neben der Notwendigkeit von multicentered Studien und standardisierten Messinstrumenten die detaillierte Erfassung der subjektiven Bedarfslage der Schulkinder sowie der Lehrkräfte hervorgehoben. Diese Erfassung wird die Forschergruppe als nächstes in Angriff nehmen.

Insgesamt zeigte das Symposium die enorme Relevanz und Aktualität des Themas sowie die Dringlichkeit verstärkter Forschungsaktivitäten. Die Ergebnisse des Symposiums münden in einem Sammelband, der Ende 2017 im Waxmann-Verlag veröffentlicht wird.

Dr. Anne-Katrin Jordan

Für Rückfragen steht Dr. Anne-Katrin Jordan (akjordan(at)uni-bremen.de) gern zur Verfügung.

 

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