Meine Eindrücke zu ein paar Studien von Jan Sonntag

Mit Respekt denke ich an meine ersten Gruppentherapiestunden in der Psychogeriatrie zurück: ich war vom Verhalten einzelner Bewohner total verwirrt und wusste nicht wie reagieren. In diesen Situationen war mir die Musik eine grosse Stütze. Durch sie konnte ich eine friedliche Atmosphäre schaffen und mich auf die Beziehungen im Hier und Jetzt fokussieren. Dies half mir, meine Ängste zu überwinden.

Als ich die Schriften von Jan Sonntag über seine Erfahrungen mit Personen mit neurokognitiven Störungen entdeckte, fand ich mich darin wieder. Meine eigenen Erfahrungen und Überzeugungen im Bezug auf die Begleitung von Personen mit neurokognitiven Störungen fanden in seinen Konzepten eine theoretische Abstützung. Dies gab mir Bestätigung in meiner eigenen Tätigkeit. Dazu kam, dass ich seine Artikel mit einer Leichtigkeit las, die im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Schriften für mich neu war. Beim Lesen der Texte haben mich als französisch Sprechende die klaren, sehr nuancierten Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache beindruckt. Ein ganzer französischer Nebensatz kann auf Deutsch in zwei Wörtern (Substantiv mit Partizip) ausgedrückt werden. Im Französischen klingt das mit einem ganzen Nebensatz viel umständlicher („ces comportements qui nous mettent au défi“). Liegt es an dieser Umständlichkeit, dass es im Deutschen einfacher ist, genau zu beschreiben, ja vielleicht auch die Perspektive, aus der die Wortwahl getroffen wird, exakter heraus zu kristallisieren?

Das Verhalten von Menschen mit neurokognitiven Beeinträchtigungen wird so z.B. im Französischen nicht als „Verhaltensstörungen“ („troubles du comportement“), sondern als „herausforderndes Verhalten“ bezeichnet und somit aus der Perspektive der Therapeutin beschrieben.

Das Verhalten von Menschen mit neurokognitiven Störungen, wie rastloses Umhergehen, Widerstand, Verschlossenheit etc. stört die institutionelle Ordnung; und es wäre einfacher, dieses Verhalten als Störung zu benennen, als sich einzugestehen, dass man dadurch selbst gestört wird… Nehmen wir die Herausforderung an, in einem solchen Verhalten kreativ Lebendiges und Neues zu sehen!

Es hat mich fasziniert, wie das „Atmosphären-Konzept“ diese andere Sichtweise und eine damit verbundene ganzheitliche Wahrnehmung ermöglicht. Und es wird einmal mehr klar, welche Möglichkeiten in der Musiktherapie enthalten sind, eine Sicherheit gebende und einladende Atmosphäre zu kreieren, in der Kontaktaufnahme, Begegnung, Beziehung, usw. möglich werden.

Jan Sonntags Atmosphärenprinzip wird durch die genaue Ausdrucksweise des Deutschen sehr plastisch und als ein Konzept erkennbar, das sich auf eine reiche klinische Erfahrung in Verbindung mit einer zutiefst menschlich-empathischen Haltung stützt. Ich habe seine Artikel verschlungen und empfehle sie euch, ganz speziell denjenigen, der 2015 im Nordic Journal of Music Therapy erschienen ist: „Atmosphere – an esthetic concept in music therapy with dementia“. Ebenso lesenswert ist sein 2016 erschienenes Buch „Demenz und Atmosphäre“ (Mabuse Verlag).

Das Atmosphären-Konzept ist in allen musiktherapeutischen Arbeitsfeldern anwend- und auch auf andere Berufe übertragbar. Es lohnt sich besonders, diese Ideen mit unseren KollegInnen in der Pflege zu teilen!

 

Anne-Laure Murer, Übers. UW

 

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