Schläft ein Lied in allen Dingen ...

Am 25. und 26. Januar 2019 lud die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) unter der Leitung von Sandra Lutz-Hochreutener und Beate Roelcke zum Musiktherapie-Symposium mit dem Titel: „Zwischen Lullaby und Rap - Bedeutung und Wirkung von Liedern in Gesellschaft, Pädagogik und Therapie“.

Das Leitmotiv verweist bereits auf die vielfältigen Erscheinungs-, Ausdrucks-, Erlebens-, Betrachtungs-, Anwendungs- und Wirkmöglichkeiten, die der omnipräsenten musikalischen Ausdrucksform «Lied» innewohnen. In jeglichem kulturellen Umfeld sind generationenübergreifend, alte, neue, überlieferte, veränderte, selbst gestaltete oder spontan entstehende Lieder bekannt, die in verschiedensten psycho-sozialen Kontexten Adaption finden und von unterschiedlichsten Personen und Persönlichkeiten zu ganz individuellen Gelegenheiten und Zwecken konsumiert, interpretiert oder im weitesten Sinn „verwendet“ werden. „Lieder bedeuten Heimat, vermitteln Halt, Sicherheit, Gefühle von Geborgenheit und Gemeinschaft. Sie aktivieren, beruhigen, verführen, manipulieren, wecken Erinnerungen, bringen zum Träumen. Sie sind Medium, um Sehnsucht, Trauer und Glück auszudrücken, um Wut, Verzweiflung und Protest hinauszuschreien“ – konstatiert die Veranstalterin, und bot den Teilnehmerinnen mit vier Hauptreferaten zur Musiktherapie sowie zwölf Workshops unterschiedlichster Couleur mannigfaltige Möglichkeiten, sich auf musikalischer, praktisch-fachlicher, emotionaler, wissenschaftlicher oder kultureller Ebene zum Thema Lied inspirieren zu lassen.

Das zentrale Moment des Symposiums stellte die Premiere des von Coloman Kallós und Sandra Lutz-Hochreutener verwirklichten Dokumentarfilms «Lebendigkeit mit Musik» dar, welcher Leben und Werk der, über die Landesgrenzen hinaus bekannten, Liedermacherin und Pionierin der Elementaren Musikpädagogik und Musiktherapie, Gerda Bächli, portraitiert (Bezugsquelle: sandra.lutz@zhdk.ch). Welche Aspekte ihres eindrücklichen Lebens und Nachlasses in kulturellen, sozialen, pädagogischen oder therapeutischen Denkmodellen Niederschlag fanden oder finden sollten, wurde in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Vertretern der genannten Disziplinen erörtert.

Mit ihrem inhaltlich breitangelegten Programm ist es den Veranstalterinnen gelungen, sowohl die Bedeutung des Lieds hinsichtlich der Entwicklung basaler physischer und psychischer Funktionen wie Motorik, Sprache, Kognition, Emotion, mentaler Repräsentation, Motivation und Intension aufzuzeigen als auch die interagierenden Spannungsfelder von Gesellschaft, Pädagogik und Therapie durchgängig präsent und in Diskussion zu halten. Analog zum Bestreben, das ich uns Musiktherapeuten verallgemeinert unterstelle, unserer Klientel individuelle, im Moment verankerte, unmittelbare emotionale Erfahrungen zu ermöglichen, verführten Film, Videobeispiele, Workshops und gemeinsames Singen zu emotionaler Anteilnahme und Selbsterfahrung, was sich deutlich in der Atmosphäre des Symposiums niederschlug und zugleich ein bekanntes musiktherapeutisches Dilemma aktualisierte: nämlich die Schwierigkeit, Wirkmechanismen von Musik und musiktherapeutischen Interventionen mittels empirischer Methodik zu objektivieren.

Neben ihren fachlichen Ausführungen zum Lied in der Musiktherapie über die Lebensspanne hinweg, imponierten die vier Hauptreferentinnen diesbezüglich mit großem Engagement und einem interessanten wissenschaftlichen Repertoire.

Dr. Friederike Haslbeck ist als Post-doc-Wissenschaftlerin und Musiktherapeutin an der Klinik für Neonatologie der Universität Zürich tätig und leitet die RCT Studie „Creative music therapy with premature infants: testing a possible influence on brain structure, function and neurobehavioral outcome“. In ihrer klinischen Arbeit fokussiert sie die Bedürfnisse von Kind und Eltern und motiviert die Eltern, im Sinne von Empowerment, (Wiegen-)Lieder als bindungsfördernde Ressource einzusetzen. Neben klinischer Praxis und Forschung engagiert sie sich für die internationale Vernetzung, sowohl der Musiktherapeutinnen ihres Fachbereichs als auch der betroffenen Eltern, und ist bemüht, in stetiger Öffentlichkeitsarbeit die Musiktherapie in diesem Feld präsent zu halten. Mit ihrem Buchprojekt „Wiegenlieder für die Kleinsten“ unterstützt sie Neonatologie-Abteilungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die Musiktherapeutin und Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeutin Prof. Dr. Karin Schumacher bedarf wohl keiner Vorstellung. Ihre Arbeit und Forschung im Feld der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, sprich Autismus-Spektrum-Störungen des Kindesalters, sowie das EBQ-Instrument zur Einschätzung der Beziehungsqualität, dürfen als wegweisend betrachtet werden. Letzteres wird derzeit in einem internationalen Forschungsprojekt der Universität Bergen/Norwegen angewandt und in mehrere Sprachen übersetzt. Im Rahmen des Symposiums demonstriert sie, wie auch bereits gut untersuchtes Videomaterial neue (therapeutisch-empirische) Aspekte offenbart, sofern die Wissenschaftlerinnen bereit sind, vertraute Perspektiven aufzugeben und vermeintlich bekanntes Material unter neuen Gesichtspunkten neugierig und unvoreingenommen zu betrachten.

Prof. Dr. Katrina Skewes McFerran ist Direktorin der nationalen Forschungsstelle für Kreativ- und Musiktherapie an der Universität Melbourne. Sie beeindruckt mit einer Vielzahl an Publikationen und (Forschungs-)Projekten im Bereich Musiktherapie in der Adoleszenz, wie z.B. dem, in Zusammenarbeit mit C. Gold und S. Saarikallio entwickelten, validierten Fragebogen: „Healthy and unhealthy uses of music scale“ (HUMS), dessen Übersetzung ins Deutsche am Wiener Zentrum für Musiktherapie-Forschung von H. Riedl und Prof. T. Stegemann realisiert wurde. Sie betont die Notwendigkeit, Erkenntnisse aus Musikwissenschaft, Musikpsychologie, Musiksoziologie und Musikpädagogik dahingehend zu nutzen, das Medium Musik als Wirkfaktor und in Abgrenzung zu anderen therapeutischen Kontexten herauszustellen und regt an, auch erkenntnistheoretische Modelle der Gender Studies, wie z.B. Kimberlé Crenshaw’s Konzept der Intersektionalität in der musiktherapeutischen Forschung zu berücksichtigen.

Die Musiktherapeutin und Soziologin Prof. Dr. Dorothea Muthesius schöpft aus 40 Jahren Erfahrung im gerontopsychiatrischen Umfeld und zeigt auf, wie musiktherapeutische Arbeit mit wissenschaftstheoretischen Ansätzen der (Musik)Soziologie untersucht werden kann. Anhand von Fallbeispielen aus ihrer umfangreichen Arbeit zur Biographieforschung zeigt sie Möglichkeiten auf, wie aus biographischen Erzählungen zu Musikerfahrungen Analysekategorien abgeleitet werden können, die aus verschiedensten Blickwinkeln weniger auf das Lied selbst als auf die Nutzer fokussieren. So stellt sie z.B. die singende Person (situativ, neutral), der Sängerin (Rolle, Profession) gegenüber und führt weitere Kategorien wie Generation, Milieu, (Lied) Geschlecht oder Entwicklungsphase an, die wiederum Erweiterung in der Differenzierung von Gewordenheit, Habitus, Typ und Typologie erfahren. In Anlehnung an Adornos Hörertypologie zeigt sie mögliche Sängertypologien und Dimensionen für Typisierungen auf, die das Spektrum vom Sing-Boykotteur bis zum semiprofessionellen Liedermacher abbilden.

Ein persönlicher Aufruf hängt sich ebenfalls am vorgängig aufgeführten, musiktherapeutischen Dilemma auf – „Die Musik spricht für sich allein [...]“, proklamierte einst Yehudi Menuhin – der Musiktherapie als Verfahren in den Kontexten von Gesellschaft, Pädagogik und Therapie ist diese Selbsterklärung aber nicht gegeben. Hier steht jeder Einzelne in der Verantwortung, dem Engagement der wissenschaftlich tätigen Kolleginnen Tribut zu zollen und musiktherapeutische Wissenschaft in das jeweilige Fachgebiet zu transportieren.

Im Kontext des „Erfahrens“ spricht die Musik aber sehr wohl für sich allein und vor allem dem Lied, um an dieser Stelle wieder zum Objekt des Symposiums zurückzukehren, scheint eine fast magische Wirkmächtigkeit innezuwohnen, der sich, sofern einmal angesprochen, ein jede(r) nur schwerlich entziehen kann. Auch wenn die Protagonisten des Symposiums einig gingen, dass weniger die spezifische musiktherapeutische Methode als die schulen-übergreifend vereinende, humanistische Grundhaltung, die Bereitschaft Methodik individuell anzupassen, das Zuhören, der Raum für Begegnung, Mut die eigene Musikalität ein- und auf den Punkt zu bringen, die Leidenschaft für unseren Beruf sowie Engagement die Attribute einer gelingenden musiktherapeutischen Intervention darstellen, prägte am Ende die Magie der Lieder die Stimmung des Symposiums und bestätigte, was schon der Romantiker Joseph von Eichendorff (1788 – 1857) formulierte:

Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

Literatur, Websites & Bezugsquellen:

  • Haslbeck, F. (2018) Wiegenlieder für die Kleinsten – Ausgewählte Lieder von Eltern für Eltern frühgeborener Kinder. Bezugsquelle siehe: https://amiamusica.ch 
  • Haslbeck, F., Nöcker-Ribaupierre, M., Zimmer, M.-L., Schrage-Leitner, L., Lodde, V.  (2017) für den Fachkreis Musiktherapie Neonatologie: Musik von Anfang an. Referenzrahmen zur Anwendung von Musiktherapie in der Neonatologie. DMTG. http://www.musiktherapie.de/musiktherapie/arbeitsfelder/neonatologie.html
  • Kallós, C., Lutz-Hochreutener, S. (2018) Lebendigkeit mit Musik – ein Filmportrait über die Pionierin der Elementaren Musikpädagogik und der Musiktherapie, Gerda Bächli. Bezugsquelle, Privataufführungen & Spenden: sandra.lutz(at)zhdk.ch
  • McFerran, K. (2010) Adolescents, Music and Music Therapy - Methods and Techniques for Clinicians, Educators and Students
  • McFerran, K.: Literaturliste und mehr siehe: https://findanexpert.unimelb.edu.au/display/person5042
  • Muthesius, D. (Hg.) (2001) „Schade um all die Stimmen ...“ Erinnerungen an Musik im Alltagsleben. Böhlau Verlag
  • Muthesius, D. (2002) Musikerfahrungen im Lebenslauf alter Menschen: eine Metaphorik sozialer Selbstverortung. LIT Verlag
  • Muthesius, D., Sonntag, J., Warme, B., Falk, M. (2010) Musik – Demenz – Begegnung: Musiktherapie für Menschen mit Demenz. Mabuse Verlag
  • Riedl, H., Stegemann, T. (2018) HUMS-DE: Musiktherapeutische Umschau 2018 Band 39 Heft 3
  • Schumacher, K., Calvet, C., Reimer, S. (2011) Das EBQ-Instrument und seine entwicklungspsychologischen Grundlagen. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag
  • Schumacher, K.: Literaturliste siehe: https://udk-berlin.de

Mit bestem Dank an die ZHdK für das gelungene Symposium

Susanne Korn

 

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