Supervision und Ethik

Supervision und Ethik

Coronazeit!

 

Der Wunsch des Vorstandes an die Ethikkommission, sich der Thematik „Supervision“ anzunehmen, fällt mit dem nationalen Shutdown zusammen, einer Zeit, in der plötzlich das Wort „Ethik“ allgegenwärtig ist, wo Sterbehilfe, Nutzung persönlicher Daten im Internet und Zuteilungskriterien für Beatmungsgeräte Themen von allgemeinem Interesse sind. Eine Zeit, in der niemand weiss, was morgen ist, wo sich „richtig“ und „falsch“ schlecht gegeneinander abgrenzen lassen. Wir befinden uns in einem psychischen Spannungsfeld, in dem uns Erfahrungen, die wir selber in Supervision oder im ethischen Diskurs gemacht haben, helfen können. Möglicherweise profitieren wir davon, diesen Über- (super) Blick (vision), diese Übersicht, diesen „gelernten“ neutralen, distanzierten Blick von oben und von aussen „anzuwenden“, um diese Wochen (Monate?) einigermassen stabil und gelassen zu überbrücken.

Supervision ist noch viel mehr: Sie lehrt uns Reflexion und Selbstreflexion, uns und den andern zu verstehen, uns zu öffnen und auch unangenehme Gefühle wie Ärger, Angst und Trauer zuzulassen. Sie zeigt uns immer wieder einen Weg in unserer therapeutischen Arbeit, einen Weg, für den wir – unter Umständen nach intensivem Abwägen – die Verantwortung übernehmen können. In der Supervision bekommen wir Denkanstösse, Fallbeispiele und Diskussionsstoff, die uns in der „Fähigkeit stärken, selbst zu denken“ (Soentgen in Stegemann & Weymann 2019, S.20), eine ethische Forderung, deren Erfüllung für unsere Professionalität unabdingbar ist.

Dabei scheint mir der supervisorische Fokus auf die interpersonelle Dynamik zwischen Therapeut und Patient etwas vom Spannendsten und Ergiebigsten. Ob die Supervisorin Techniken der Balintarbeit anwendet, ob sie Ansätze der systemischen Sichtweise, dem Focusing oder der Analyse entnimmt, spielt eine untergeordnete Rolle. Glücklich dürfen sich diejenigen schätzen, deren Supervisor die musikalische Improvisation und/oder das Rollenspiel hinzuzieht und einen „Safe Place“ für freies Assoziieren anbietet. Alle diese Techniken legen unsere Seelendynamik unmittelbar zur Bearbeitung offen und fördern so das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und Intuition.

Gute Supervision vermittelt keine „Rezepte“. Gute Supervision schärft unser Verständnis für kreative Lösungsprozesse. Cheryl Dileo, die Musiktherapie-Ethikerin der ersten Stunde, schreibt sinngemäss den wunderschönen Satz, eine Lösungsfindung sei kein linearer Vorgang, aber „it may be more an art than a science“ (Stegemann & Weymann 2019, S. 152).

Wenn wir nun davon ausgehen, dass Weiterbildung in Form von Supervision uns Therapeuten dafür sensibilisiert und befähigt, unsern Patienten das von Martha Nussbaum, Philosophin an der Universität Chicago, beschriebene „gute Leben“ leben zu helfen, bewegen wir uns gedanklich und sprachlich in der Disziplin Ethik. Zum „guten Leben“ gehören, um nur einige Aspekte zu nennen, Autonomie, also das Recht, über sich selber zu bestimmen, oder Fürsorge, also das Recht, Hilfe und Fürsorge zu bekommen, und Gerechtigkeit, also das Recht auf chancengleiche, faire Behandlung.

Wir müssen nicht „studierte Ethiker“ sein, um uns mit ethischen Fragen und Dilemmata auseinander zu setzen. Ethik spielt sich für uns in der Praxis ab, und wir eignen uns ein Wissen darüber im Gespräch mit Kollegen, mit Fachleuten anderer Disziplinen und – eben – in der Supervision an. Es ist unsere Pflicht, unser Menschen- und Weltbild aus ethischem Denken und Handeln heraus zu entwickeln und möglicherweise zu verändern und immer wieder anzupassen.

Im TA Magazin vom 4. April 2020, ganz der Coronakrise und der Postcorona-Zeit gewidmet, schreibt der Philosoph Markus Gabriel zum Vergleich von naturwissenschaftlich-technologischem Fortschritt und menschlich-moralischem Fortschritt: „Ohne moralischen Fortschritt gibt es keinen echten Fortschritt“ und „Wir brauchen eine neue Aufklärung, jeder Mensch muss ethisch ausgebildet werden…“.

Wir Musiktherapeuten sind somit, sofern wir nach bestem Wissen und Gewissen unsern Beruf ausüben und neugierig bleiben, auf dem richtigen Weg.

Literaturangabe: Stegemann, Th., & Weymann, E. (2019) Ethik in der Musiktherapie

 

Nachtrag und Ausblick:

Auf Wunsch des Vorstandes wird die Ethikkommission in den kommenden Monaten ein Schreiben über Supervision verfassen. Dieses Grundlagenpapier kann von Musiktherapeuten in Institutionen als Begründung für einen Antrag auf Finanzierung von Supervision verwendet werden.

 

Sabine Albin, Mitglied der Ethikkommission

 

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